Ein Briefumschlag mit ein paar Scheinen – mehr war offenbar nicht nötig, um an der Uni Duisburg-Essen geschmeidig durchs Wirtschaftsstudium zu kommen. Jahrelang konnten sich Studierende dort mit Schmiergeld ihre Wunsch-Noten kaufen. Jetzt stehen eine ehemalige Angestellte und ein Ex-Student vor Gericht.
Als die frühere Sachbearbeiterin am Mittwoch den Verhandlungssaal im Essener Landgericht betrat, hielt sie sich einen Aktendeckel vors Gesicht und versteckte sich anschließend hinter ihrem Verteidiger Gerhard Thien. Bloß keine Fotos. Kurz darauf flossen auch schon die ersten Tränen.
„Ich hatte die ganze Zeit tierische Bauchschmerzen“, sagte die 42-Jährige, die die Notenmanipulationen im uni-eigenen IT-System vorgenommen hatte. „Ich weiß selbst nicht, wie das alles passieren konnte.“ Eigentlich habe sie dafür kein Verständnis.
Die Anklage hat es in sich. Es geht um fast 200 Notenänderungen und knapp 120.000 Euro Bestechungsgeld. Die Hälfte soll die Ex-Sachbearbeiterin erhalten haben, die andere Hälfte ging angeblich an ihren 39-jährigen Mitangeklagten, mit dem sie auch privat befreundet war. „Wir waren mit unseren Partnern sogar zusammen im Urlaub“, so die 42-Jährige.
Es war im Jahr 2017, als die beiden sich schließlich zusammengeschlossen haben. „Ich war schon im Schlafanzug, als er noch einmal vorbeikam und mir einen Briefumschlag mit 1.500 Euro aufs Bett geschmissen hat.“ Das sollte ihr Anteil sein, wenn sie mitmache. Da sei sie schwach geworden. Die Duisburgerin hatte finanzielle Probleme, ihr Konto war ständig leer. „Ich konnte nicht mit Geld umgehen“, sagte sie den Richtern. Da kam der heimliche „Zusatzverdienst“ offenbar gerade recht.
Billig war die Notenmanipulation nicht. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Studierenden anfangs 500 Euro zahlen mussten, damit eine nicht bestandene Prüfung im uni-eigenen IT-System in ein „Bestanden“ geändert wird. Der Betrag soll später kontinuierlich erhöht worden sein – bis auf 900 Euro. Wer mehr als eine 4,0 wollte, musste noch was drauflegen – 50 Euro pro 0,3-Notenschritt.
Wie eiskalt die Täuschungsmöglichkeiten ausgenutzt wurden, zeigt das Beispiel eines Studenten der gleich am Anfang mit dabei war. Er soll gleich bei elf(!) Prüfungen nicht erschienen sein. Im IT-System waren laut Staatsanwaltschaft später trotzdem überall Noten eingetragen. Im Fach Wirtschaftsstatistik war sogar eine 1,3 vermerkt.
Selbst der nun Mitangeklagte hat sich seinen Bachelor-Abschluss im Studiengang erschlichen. Er hatte eine Prüfung im Bereich Organisation mehrfach nicht bestanden. Daraufhin hat er nach eigenen Angaben 300 Euro an die Sachbearbeiterin gezahlt, die aus seiner 5 schließlich eine 3,3 machte. Auch ihm war der Auftritt vor Gericht sichtlich unangenehm. Er war mit Mütze, Schal, Coronamaske und Kopfhörern erschienen, um nicht erkannt zu werden. Erst als die Kamerateams und Fotografen den Gerichtssaal verlassen hatten, legte er seine Verkleidung ab.
Dass es überhaupt zu der Notenmanipulation gekommen ist, schiebt er vor allem auf die Studierenden. Der 39-Jährige will von weit über hundert Personen regelrecht angebettelt worden sein. Irgendwann habe er dann nachgegeben und das Bestechungsgeld entgegengenommen. Treibende Kraft sei aber die Sachbearbeiterin gewesen. „Sie brauchte immer wieder Geld“, sagte er den Richtern.
Ein Risiko habe aus ihrer Sicht nicht bestanden. „Sie hat mir gesagt, dass das alles todsicher ist. Da kräht kein Hahn nach.“ Kontrollen würde es nicht geben. Die Notenänderungen seien nicht zu erkennen.
Als die ersten beiden Studenten für die Verbesserung ihrer Noten einen „richtigen Batzen Geld“ gezahlt hätten, sei es schließlich losgegangen. „Wir konnten unser Glück kaum fassen“, so der 39-Jährige. Von seinem Anteil will er später unter anderem seine Hochzeit finanziert haben. Die Vorwürfe waren im März 2021 bekannt geworden. Die Uni hatte eine anonyme Mail erhalten, in der sogar Namen von Studierenden aufgelistet waren, die ihre Noten durch Geldzahlungen verbessert haben sollen. Wer die Mail geschickt hat, wurde nie bekannt.
Viele der betroffenen Studierenden sollen laut Staatsanwaltschaft inzwischen zu Geld- oder Bewährungsstrafen verurteilt worden sein. Einige hatten ihr Studium bereits abgeschlossen und waren berufstätig. Parallel soll ihnen auch die Uni die Prüfungsergebnisse oder erreichten Abschlüsse wieder aberkannt haben. Auch der 39-Jährige hat seinen Abschluss wieder verloren. „Völlig zu Recht“, sagte er den Richtern. „Ich bereue das alles sehr.“ Für das aktuelle Verfahren haben die Richter am Essener Landgericht noch Verhandlungstage bis Ende April vorgesehen. Der Strafrahmen beläuft sich auf ein bis zehn Jahre Haft.