this post was submitted on 15 Jul 2026
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Genau an dieser Stelle sieht Kraus einen Systemfehler. Sein Vorwurf: In den Arbeitsgruppen, die die Normen festlegen, seien überproportional viele Vertreter aus Wirtschaft und Industrie - mit einem Eigeninteresse. Kraus kritisiert: "Die Industrie hat überhaupt kein Interesse daran, die Normen zu reduzieren und damit weniger Baustoffe zu verkaufen, denn die verdienen daran Geld."

Der Normenausschuss ist heute tatsächlich eine Lobbyorganisation. Der Gesetzgeber ist aber Mitschuld, wenn er Standards nach DIN-Normen verpflichtend vorschreibt, ohne sie selbst nochmal zu kontrollieren, ob sie denn so sinnvoll sind. Die Vorgaben in der Automobilbranche sind genau so entstanden. Die einheimische Branche gibt sich selbst Regeln, um die ausländische Konkurrenz zu schädigen. Nicht alle Regeln sind sinnvoll.

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[–] borg@feddit.org 5 points 6 hours ago (1 children)

Zumindest auf den privaten Hausbau bezogen kann ich die Headline ziemlich einfach beantworten: Ja.

Haben letztes Jahr in Baden-Württemberg gebaut. Die Anzahl an Normen, die maßlos übertrieben sind, ist lang.

Beispiel: Ich musste nachweisen, dass ich - basierend auf die Quadratmeter Wohnraum in meinem Haus - ganze 5 (!) wettergeschützte Fahrradstellplätze auf meinem Grundstück habe. 5. Für ein Einfamilienhaus.

Wozu? Was ist die Begründung? Ist halt so, ist eine Vorgabe in BW, Bauantrag abgelehnt. Dann hat die Architektin eben 5 Fahrradstellplätze Copy & Paste in unsere Garage eingefügt, und die Beanstandung war weg. Das ist Schwachsinn.

Ebenso war das Baurechtsamt extrem ineffizient. Effizient wäre, durch den Bauantrag durchzugehen und eine Liste von Punkten zu geben, die Anpassungen benötigen. Stattdessen wurde uns beim ersten gefundenen Problem immer direkt geantwortet, wir haben die Anpassung gemacht, nur dass dann kurz darauf das nächste (davon unabhängige) Problem gemeldet wurde. Extrem ineffizient, und jedes mal gingen wieder 2-3 Wochen ins Land. Wir reden hier nicht von groben Fehlern der Architektin, sondern von Kleinigkeiten, oder einach nur Nachfragen zu mehr Details.

Unter dem Strich haben wir ein halbes Jahr für den Bauantrag benötigt, und billig war es auch nicht.

Ich war immer ein Fan von Normen und Richtlinien - sie existieren aus einem Grund. Beim Hausbau bin ich aber zum ersten mal auf die Schwachsinnigkeit mancher Regelungen gestoßen. Mir wurde klar, dass manche Normen von Menschen verfasst sind, die nicht genügend Ahnung von der Materie haben, und auch die Probleme nicht von einer praktischen Seite betrachten.

[–] D_a_X@feddit.org 3 points 4 hours ago

Das mit den Fahrradstellplätzen bestimmt meines Erachtens die Gemeinde und nicht eine Norm. Stichwort Stellplatzschlüssel

[–] JensSpahnpasta@feddit.org 2 points 6 hours ago

Der Gesetzgeber ist aber Mitschuld, wenn er Standards nach DIN-Normen verpflichtend vorschreibt, ohne sie selbst nochmal zu kontrollieren, ob sie denn so sinnvoll sind.

Hier wäre mit echtem Bürokratieabbau wirklich einiges an Potenzial zu heben. Normalerweise meint die Politik ja mit Bürokratieabbau, dass man total sinnvolle Regeln wie Maximalarbeitszeiten schleift, aber genau in diesem Sektor könnte man auch sehr, sehr viele sinnlose Regeln überarbeiten oder abschaffen. Es gibt definitiv ein gewaltiges Potenzial in der Wirtschaft, wenn man zum Beispiel diverse Meisterzwänge abschafft. Aktuell benötigt man zum Beispiel für das Eröffnen einer Fahrradwerkstatt einen entsprechenden Meistertitel. Es gibt aber keine sinnvolle Erklärung, warum zum Beispiel nicht ein ausgebildeter Fahrradmechaniker oder auch ein entsprechend fähiger Hobbyschrauber irgendwo in einem Hinterhof eine kleine Werkstatt errichten sollte, um dort in seinem Umkreis Schläuche zu flicken, Mäntel zu tauschen, Ketten auszuwechseln und so weiter.

Ähnlichen Spaß haben wir in vielen Bereichen. Schaut euch zum Beispiel mal an, wie das mit den Klimaanlagen läuft. Bei uns brauchst du für den Einbau einer Klimaanlage einen entsprechenden Kälteschein. Du darfst es als Privatmensch nicht einfach so machen, auch mit QuickConnect und anderen Lösungen. Deswegen ist die Portasplit ja so beliebt. Du musst immer einen Handwerker engagieren, die sind ausgelastet, es gibt zu wenige und das treibt die Kosten gewaltig hoch. Einen entsprechenden Kälteschein kannst du zum Beispiel in anderen europäischen Ländern relativ einfach an einem Tag machen mit überschaubaren Kosten. In Deutschland benötigst du dafür deutlich mehr Ausbildung und auch dann darfst du nicht einfach so Klimaanlagen anschließen.

Da haben einige Handwerkerinnungen sich schöne rechtliche Hürden geschaffen, um viel Konkurrenz fern zu halten. Und das macht natürlich vieles teuer und kompliziert, v.a. wenn dann die Nachfrage steigt.

[–] gandalf_der_12te@feddit.org 6 points 13 hours ago* (last edited 13 hours ago) (1 children)

bei autos zumindest ist das ein großes problem. der gesetzgeber schreibt vor dass alle autos x zusatzfeatures haben müssen (abstandssensoren, spurhalteassistent, wasweißdennich). dadurch steigt der mindestpreis, zu dem ein auto hergestellt werden kann. wenn jetzt der hersteller 10% profitmarge verlangt, wird der unternehmensgewinn natürlich mehr. und die verbraucher (a.k.a. wir) können nicht auf eine billigere alternative ausweichen weil diese gesetzlich verboten wurde.

[–] JensSpahnpasta@feddit.org 3 points 6 hours ago

Das ist, glaube ich, ein schönes Beispiel. All diese Regulierungen im Autoverkehr machen ja absolut Sinn, weil sie massiv Leben retten und auch Unfälle verhindern. Das merkt man dann nochmal deutlich, wenn man ein Auto ohne diese ganze Technik fährt. Und gleichzeitig hast du natürlich total recht. Und das Problem ist, fürchte ich, dass wir viel zu schnelle Autos bauen. Dass dort die ganze Kategorie falsch ist. Und es natürlich immer viel teurer ist, wenn du Autos baust, die über 200 km/h fahren können, als wenn du kleine Autos, die auf niedrige Geschwindigkeiten im Stadtverkehr ausgerichtet sind, auf die Straße bringst. Die brauchen vielleicht dann doch kein Spurhalteassistenten.

Und manche dieser Technik ist dann auch nur halbgar umgesetzt. Dann gibt es nun eine verpflichtende Kamera, die erkennen soll, wenn der Fahrer abgelenkt ist. Aber gleichzeitig folgen daraus dann keine Konsequenzen. Ich habe eine Müdigkeitserkennung im Auto, die sich einfach wegklicken lässt. Oder eine Geschwindigkeitsschildkamera, die ich total ignorieren kann. Dann zahlen alle für die Technik, aber der völlig übermüdete Betrunkene kann trotzdem mit 120km/h durch die 30er Zone ballern.

[–] D_a_X@feddit.org 13 points 22 hours ago (1 children)

Andererseits vermeiden verbindliche Normen viel gefährlichen Wildwuchs, wie gerade wieder in den USA mit dem Hochhaus erlebt. Man wollte ja nur Geld sparen, bzw. den Gewinn erhöhen.

[–] Ravi@feddit.org 17 points 22 hours ago (1 children)

Grundlegende Sicherheitsnormen sind sinnvoll. Die Frage ist ob jedes Land wirklich seine eigene Bauordnung braucht und jede Kommune ihr eigene Software.

[–] mst@discuss.tchncs.de 3 points 18 hours ago

Es gibt eine Musterbauordnung. Aber sinnvollerweise sollte man da denn Ländern da nur wenig Spielraum lassen was sie selbst ändern dürfen. Ähnlich wie bei den Eurocodes. Eine Norm für Europa, und die Länder dürfen gewisse Dinge an ihre speziellen Bedürfnisse anpassen.

[–] plyth@feddit.org 0 points 16 hours ago (1 children)

Die Auflagen sind nicht das Problem sondern die Prüfung. Wenn weniger Bauten in der gleichen Zeit genehmigt werden sinkt das Angebot an Wohnraum und der Preis steigt.

[–] gandalf_der_12te@feddit.org 3 points 13 hours ago (1 children)

aber die genehmigungen könnten vielleicht schneller erteilt werden wenn es weniger kriterien gibt die überprüft werden müssen?

[–] plyth@feddit.org 1 points 9 hours ago