this post was submitted on 12 Sep 2024
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DACH - Deutschsprachige Community für Deutschland, Österreich, Schweiz

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founded 2 years ago
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Über ein Jahrzehnt bin ich nun politisch aktiv - ob in (linken) Gruppen, Vereinen, oder sogar mal irgendwo im Wahlkampf. Jeden Tag habe ich mich über tagesaktuelle Nachrichten informiert, aber auch mal grundlegende Literatur gelesen. Mittlerweile kann ich es nicht mehr. Jede Talkshow macht mich nur noch wütend, resigniert; ja, erschöpft mich regelrecht. Politik ist nichts als verlogenes, opportunistisches Aufgeschrecke und Verdummung der Bevölkerung. Will hier nicht auf ein stumpfes "die da oben" hinaus, weil es schon an der Basis beginnt und die gewählten Herren und Damen an der Spitze wirklich auch nur die Spitze des Eisbergs sind, die das ganze Gezetere schließlich verkaufen müssen. Der aktuelle negative Höhepunkt (also Tiefpunkt) ist die Debatte um die Migration, die zeigt wie unglaublich stupide und kurzsichtig Politik hier ist. Solingen passierte und einen Tag später übertrumpfen sich alle Parteien der Ampel bis Union und AfD in ihren rechten Forderungen. Und die Politik lässt sich von den Rechten treiben wie ein Tier in die Manege. Und plötzlich waren alle ja schon immer gegen "irreguläre" Migration (wo kommt dieses dumme Wort plötzlich eigentlich her?!) - gestern Abend wirft die SPD-Tante aus Bayern ein, dass die SPD (und Ampel) ja bereits sehr viel abschieben und die Union auch nicht mehr schaffen würde. Das erzählt man in so einem Nebensatz, der mittlerweile so leicht von den Lippen geht, dass es nicht mal mehr eine Lawine lostritt, oder uns kleine Schneeflöckchen noch groß kümmert. Wie weit haben wir das Overtonfenster mittlerweile nach rechts geschoben? Die "progressiven" Parteien haben längst verloren, weil sie gebetsmühlenartig das menschenfeindliche Geschwätz der Rechten übernommen haben und mittlerweile ja selbst das Patent darauf haben wollen. Wäre doch nur einmal jemand mit Rückgrat in der Politik, dem es nicht nur um das Verteidigen der eigenen Partei ging, der auch mal Fehler erkennen würde, der aus wirklicher Überzeugung handeln würde. Es wäre ein verdammter Lichtblick in diesem mandelbraunen Politikbrackwasser. Die glauben immer noch, sie könnten die "abgehängten" Wutbürger zurückholen, wenn sie der Faschistenpartei einen heimlichen Daumen nach oben geben, während sie nicht verstehen, dass sie ihnen bereits die Hofeinfahrt pflastern und ein Leuchtfeuer entzünden, dass den Rechten den Weg in die Parlamente weist. Es hat keine zwei Tage gedauert, bis die Ampel unter mittlerweile nicht mal mehr Bauchschmerzen das neue Migrationspaket vorgestellt hat, weil sie aus Unsinnigkeit und völliger Verdrossenheit Angst vor rechten Vordringen verhindern wollte; hat damit aber die ganze Debatte entkapselt und in das Rampenlicht gerückt, wo es de facto überhaupt nicht hingehört.

Kurzum: ich brauche Abstand von Politik und seinen Lakaien.

top 15 comments
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[–] ladicius@lemmy.world 2 points 2 years ago (1 children)

Kenne ich. Kenne ich leider viel zu gut.

Bin ein Boomer und engagiere mich seit 40 Jahren (keine Übertreibung, ist echt so) für eine bessere Welt. Wäre gar nicht schwer, ein bisschen mehr Bescheidenheit und Gemeinschaft würden reichen.

Was stattdessen passiert: Kohl und Reagan fangen an, die sozialen Systeme zu zerstören, und seitdem diese Pest ausgebrochen ist, geht es nur bergab, und zwar steil. Die Menschheit bricht jedes Jahr neue Rekorde, was die Zerstörung unserer Biosphäre angeht, und der Rest wird auch immer beschissener.

Ich hab's aufgegeben. Bringt nichts, dagegen zu sein, wenn die Mehrheit es so will. Um die Kinder tut's mir leid, aber sonst... Lass das dumme Pack verrecken, die wollen das so.

[–] iamkindasomeone@feddit.org 1 points 2 years ago (1 children)

Die Politik müsste eigentlich eine gewisse Korrekturkompetenz sein, die das Zusammenleben auf Basis von Evidenz entsprechend steuert, sprich auch die Themen so vorbereiten, dass sie in Einheit mit der Bevölkerung auf eine sinnvolle Richtung gebracht werden. Stattdessen springt man über jedes kleine Stöckchen, sofern es genug gibt, die dafür die Mistgabeln herausholen. Beispiel: Klimawandel ist wissenschaftlicher Konsens. Handlung: wir bereiten die Menschen darauf vor, überdenken unser Handeln, unsere Produktionsweise, usw. Dort wäre jetzt der Punkt, an dem der parteipolitische Diskurs beginnt, um die Meinung des Volkes zu repräsentieren.
Wie es aktuell passiert: Nazis und Wutbürger machen Stimmung gegen Migranten und alle Parteien (bis auf die Linke) springen auf den Zug auf - diskutiert wird nur, wer wen wie überbieten kann, aber niemals Fakten. Aber man will es sich ja nicht mit den Wutbürgern versauen.

Meine Frage: wer repräsentiert Menschen wie uns? Menschen, die sich links von den Grünen und Co bewegen? Wann wurden wir jemals befragt? Wann setzen sich die Leute mal hin und diskutieren so lebhaft eine Vermögenssteuer, wie sie Mustafa, Hakan und Mohammed in gute und böse Ausländer einteilen?

[–] Teppichbrand@feddit.org 1 points 2 years ago* (last edited 2 years ago)

Menschen wie wir™ sind VIEL zu wenige. Ich habe es weiter oben schon geschrieben:
Ich dachte lange die Politik handele gegen den Willen der Bevölkerung und muss nur zurück in die Spur gebracht werden. Aber Quatsch! So viel Macht haben die gar nicht. Die Menschen wollen das alles nicht, sich einmischen, etwas verändern, ein besseres Leben für alle. Die meisten Linken kleben sich eine Europa-Flagge aufs Auto und wählen SPD, das wars. Die Menschen wollen Netflix, Urlaub, ihre Ruhe. Die Unterschicht hat keine Ressourcen um sich Gedanken zu machen und ist fest im Griff der Bildzeitung, die Mittelschicht ist zu beschäftigt Mittelschicht zu bleiben, Kinder, Karriere, Konsum. Der Elite gehört die Presse, die Arbeit und das Geld, die wollen auf keinen Fall zur Verantwortung gezogen werden. Die wenigen Idealisten in der Politik werden diffamiert und ausgebrannt.
Es geht uns doch allen immer noch gut genug, als dass wir unsere schrumpfende Komfortzone kollektiv verlassen würden. Die Letzte Generation hat das versucht und dafür richtig aufs Maul bekommen, von allen Seiten. Die Katastrophe ist schon spürbare Realität, aber niemand ist bereit, auf Käse zu verzichten.

[–] Gloomy@mander.xyz 1 points 2 years ago* (last edited 2 years ago)

Danke für eure Beiträge hier, alle miteinander.

Ich finde mich in vielen davon wieder und das tut mir gerade irgendwie echt gut.

Das schlimmste ist für mich, dass komplett absehbar ist wohin die Reise gehen wird. Die Minority World ("Der Westen" TM) wird weiter nach rechts rücken, Stück für Stück, bis die Demokratien zerbricht. Der Klimawandel wird nur milde abgebremst weiter gehen und mit jeder neuen Krise die dadurch ausgelöst oder verstärkt wird (Migration, Krieg, Produktionsketten die nicht mehr funktionieren, Wasserknappheit, Naturkatastrophen. Um nur die offensichtlichen zu nennen), werden die Menschen sich noch mehr von einfachen Parolen und symthomatischen Problembewältigingsphantasien einfangen lassen.

Ich schreibe das, während meine Frau meine zwei sechs Monate alten Kinder neben mir am Stillen ist. Es macht mir Angst, in was für eine Welt sie hineinwachsen werden.

[–] Elchi@feddit.org 1 points 2 years ago (2 children)

Ich versteh nicht wie Menschen Politik Talkshows schauen können, bei dem was die da von sich geben empfinde ich schon kurze Videos davon als Folter.

[–] iamkindasomeone@feddit.org 1 points 2 years ago

Know your enemy oder so. Keine Ahnung. Früher war das meine Lebensrealität, um zu verstehen was die Leute gerade bewegt. Aber die Zeiten sind jetzt auch vorbei.

[–] Saleh@feddit.org 1 points 2 years ago

Ich bin voll bei dir.

Es zeigt sich massiv, dass die Probleme nicht nur im Politikbetrieb selbst liegen, sondern in der Medienkultur und dem gesellschaftlichen Klima insgesamt. Die Entwicklung dort ist natürlich wiederum ein Ergebnis von politischen Entscheidungen, die vor 10, 20, 30 Jahren getroffen wurden.

Ich glaube Helmut Schmidt hat es auf den Punkt gebracht: "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen." Das ist die deutsche Haltung seit mindestens 40 Jahren. Es gibt keine Politiker, und keine Journalisten im Mainstream, die auf langfristige positive Zukunftsideen hinarbeiten und danach fragen.

Alles ist nur noch Taktik. Der nächste Wahlkampf, der nächste internaitonale Gipfel, die nächste Gesetzesinitiative, wo schon mal ordentlich Medienrummel gemacht wird, aber nicht inhaltlich, sondern wer mit und wer gegen wen. Entscheidungen, die erst in 10 Jahren ihre Wirkung entfalten werden nicht getroffen, weil man nach einem halben Jahr bei Lanz erklären muss, warum es noch keine Ergebnisse gibt.

Und dementsprechend sieht auch keiner von den "demokratischen" Politikern und Medien strategische Verantwortung, etwa bestimmte Grenzen nach rechts nichts zu übertreten, bestimmte Grundwerte nicht zu hinterfragen, bestimmte Bündnisse nicht einzugehen...

Wer dagegen strategisch und geduldig agiert, sind die Rechtsextremen. Hier das Overtonfenster etwas verschieben, da eine neue Parole einbringen... Auf dem Land anfangen und langsam in die Städte vorrücken...

[–] baleanar@discuss.tchncs.de 0 points 2 years ago (2 children)

Ich habe physisch Abstand zu Deutschland genommen. Ist echt zu empfehlen. Das hat auf jeden Fall eine Menge geholfen mich auch mental davon zu scheiden. Wählen tu ich noch (national) aber ich befasse mich viel weniger mit dem was passiert. Sollen die Deutschen die da Leben doch ihr 4es Reich wählen 🤷

[–] Kissaki@feddit.org 0 points 2 years ago (1 children)

Wie gehst du mit der Politik in deinem neuen Land um?

[–] baleanar@discuss.tchncs.de 1 points 2 years ago* (last edited 2 years ago)

Immer nur eine kleine Dosis pro Woche oder so. Läuft zwar nicht alles sahnig aber die Rechten haben es hier schwieriger irgendwas zustande zu bekommen.

Ich ziehe sowieso oft um (eben weil ich Deutschland nicht als Heimat empfinde) und stelle viel niedrigere Erwartungen an Länder die nicht zu den größten Wirtschaften der Welt gehören. Wählen kadarfnn ich öfters sowieso nicht also regt noch das auch weniger auf.

[–] golli@lemm.ee 0 points 2 years ago (1 children)

Wo hat es dich denn hin verschlagen? Gibt sicher Länder wo es durch Reichtum und Abschottung noch etwas besser aussieht, aber der generelle Trend ist denke ich global.

[–] baleanar@discuss.tchncs.de 1 points 2 years ago (1 children)

West- und Südeuropa und auch Asien. Vor und Nachteile hat es natürlich aber großer Vorteil ist dass ich nicht national mit wählen darf. Lokal hat meine Stimme mehr Gewicht und wenn es national bergab geht kann ich wieder umziehen.

Die Erwartungen sind da schon niedriger und ich lerne über neue politische Systeme. Das macht es reizvoller.

[–] golli@lemm.ee 1 points 2 years ago (1 children)

In wieweit würdest du sagen spielt es dabei eine Rolle, dass du jederzeit das Sicherheitsnetz hättest nach Deutschland zurück zukehren? Alter, Krankheit oder plötzliche Armut sind ja immer ein Risikofaktor der nicht zu unterschätzen ist. Und ohne einen gewissen Wohlstand macht das System denke ich keinen wirklichen Spaß, denn dann wird das "einfach wieder umziehen" plötzlich sehr schwer.

Auf persönlicher Ebene kann ich deine Frustration mehr als verstehen, auf gesellschaftlicher ist so ein System aber natürlich nicht langfristig tragfähig.

[–] baleanar@discuss.tchncs.de 1 points 2 years ago

Gar keine. Ich habe absolut keine Hoffnung auf eine Rente vom Staat. Ganz ehrlich, unsere Generation wird keine Rente haben wovon man in Deutschland leben kann.

Und zudem ist meine Geschichte mit Deutschland sehr kompliziert. Ich fühle mich nicht als Deutscher und werde auch nicht so behandelt von meinen Landsleuten.

Mir wurde immer nach gerufen ich soll raus aus Deutschland. Schmarotzer wäre ich. Unfähig, dumm, und nur eine Last. Und diese Leute sollen von meinen Steuern profitieren? Und die die es nicht gerufen haben sondern nur tatenlos zugeschaut haben, denen soll ich vergeben?

Die Wahlen zeigen was ich schon lange weiß: 1/3 der Deutschen wollen Leute nicht im Land die etwas anders aussehen, 1/2 ist es egal und sie kümmern sich nur um sich, vielleicht 1/5 will echt ein gutes, weltoffenes, vorschrittliches, besseres Deutschland.

Deutsch bin ich zwar im Blut, aber nicht im Herzen. Das ist nicht mein Land. Ich will nie wieder in Deutschland leben. Die Mehrheit will mich nicht also profitiere ich nur vom Deutsch sein. Mehr nicht.